Perspektiven religiöser Bildung – das ptz unterwegs in Köln

0. Vorwort

Die diesjährige Planungsklausur führte das Kollegium des ptz vom 18. bis 20. Juni in die Domstadt Köln. In Vorträgen, Diskussionen und verschiedenen Exkursionen wurden – getreu dem Thema der Klausurtagung – bereits bestehende „Perspektiven religiöser Bildung“ neu bedacht und neue hinzugewonnen. Eindrücke und Berichte hierzu möchten wir Ihnen im Folgenden zur Kenntnis geben.

1. Grundlegendes

„Perspektiven religiöser Bildung“, insbesondere in konfessionell-kooperativer aber auch in interreligiöser Praxis nahm das ptz-Kollegium bei der diesjährigen Planungsklausur in den Blick. „Wie erlebt sich die katholische Kirche in einer religionspluralen Gesellschaft?“, so das Auftaktreferat von Dr. Andreas Verhülsdonk, Geschäftsführer der Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz. „Wie erleben konfessionell ungebundene oder andersreligiöse Menschen den Kölner Dom?“, so eine zweite Fragestellung, begleitet von Harald Schlüter, Referent für Dom- und Kirchenführungen.  „Können Christen, Juden und Muslime miteinander Gottesdienst feiern?“ Zu dieser Fragestellung gab es einen interreligiösen Erfahrungsbericht von Pfarrer Hans Mörtter und Rabeya Müller, ergänzt durch Stellungnahmen von Thomas Frings, beim Erzbistum Köln zuständig für interreligiöse Fragen. Auch das Kaleidoskop verschiedener Praxiseinblicke durch Exkursionen in das Bildungs- und Begegnungszentrum muslimischer Frauen e.V. in Köln, in einen islamischen Religionsunterricht an der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule in Bonn, in die Internationale Friedensschule in Köln-Wippersdorf, in die DITIB-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld sowie eine Gesprächsrunde zum Thema Digitalisierung in der Ev. Kirchengemeinde Troisdorf ermöglichte verschiedene Perspektiven zum Thema der Planungsklausur.

Was meinen wir und andere, wenn wir von weltanschaulich-religiöser Bildung sprechen? Welche Bilder von Bildung und von anderen Weltanschauungen prägen uns? Wie kann ein konstruktives Miteinander der Religionen und Weltanschauungen in Verschiedenheit gefördert werden?

Die bereits bestehenden Arbeitsgruppen des Kollegiums haben durch die konkreten Praxisberichte und die Praxiserfahrung für ihre Weiterarbeit interessante Impulse erhalten, die wir für die weitere Perspektivarbeit religiös-weltanschaulicher Bildung fruchtbar machen werden.

(Stefan Hermann)

2. Exkursionsberichte

2.1 Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen

Was vor 25 Jahren als ein kleiner Treffpunkt muslimischer Frauen begann, hat sich heute zu einem deutschlandweit einmaligen Begegnungs- und Fortbildungszentrum entwickelt, in dem 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angestellt sind. Vier Schwerpunkt umfasst das Konzept des BFmF e.V. in Köln: Bildung, Beratung, Betreuung und Begegnung. Über 17.000 Unterrichtsstunden in einem breitgefächerten Bildungsangebot von „Autoreparaturen für Frauen“ bis zu „Interreligiösen Begegnungen“, über 400 nachgeholte Schulabschlüsse in den vergangenen zwanzig Jahren, etwa 550 Teilnehmer/innen täglich bei Integrationskursen für Geflüchtete erzählen etwas von der Erfolgsgeschichte dieses Zentrums mit der engagierten Mitbegründerin und Geschäftsführerin Dr. Erika Theissen. Schuldnerberatung, Kleiderkammer und Arbeitslosenberatung sind in den Jahren dazu gewachsen und drücken ein Selbstverständnis aus, bei dem Bildungsarbeit und karitatives Engagement zusammen gehören.

Zentral war von Anfang an die Gewährleistung einer qualifizierten Kinderbetreuung, während die Mütter ihren Bildungsinteressen nachgehen können. Seit 2014 werden darüber hinaus in der Kita Amana („Mein Bestes zu treuen Händen“) 24 Kinder unter drei Jahren betreut. Während sich die Stadt Köln in den Anfangsjahren noch skeptisch gezeigt hat ob eines Kindergartens in muslimischer Trägerschaft, ist die Kita inzwischen als Familienzentrum zertifiziert und begehrt auch unter nichtmuslimischen Familien. Ein jüdisches Kind musste nach dem Erreichen des 4.Lebensjahrs die Kita nun leider verlassen. Doch eine Religionspädagogik, die allen Kindern gerecht werden will, hat es im muslimischen Kindergarten ermöglicht,  mit dieser jüdischen Familie beispielsweise auch das Chanukka-Fest zu erleben.

Ein Geheimnis des Erfolgs des BFmF e.V.  ist neben dem außergewöhnlichen persönlichen Engagement und der großen inhaltlichen Flexibilität sicherlich auch die Unabhängigkeit gegenüber islamischen Verbänden und die damit verbundene Liberalität und  Offenheit. So gehört interreligiöses und interkulturelles Lernen ganz selbstverständlich zum Profil des Zentrums. Dies zeigt sich auch darin, dass es für diesen Arbeitsbereich eine eigene Referentin gibt. Zahlreiche nationale Auszeichnungen sind der Initiative inzwischen zugesprochen worden. Auf jeden Fall ist das BFmF e.V. ein beeindruckendes und inspirierendes Projekt, das einen Besuch durchaus wert ist: https://www.bfmf-koeln.de

(Andreas Lorenz)

2.2 Religionsunterricht in pluralistischer Gesellschaft?! Die Internationale Friedensschule Köln:

Kinder von heute brauchen internationale, interkulturelle und interdisziplinäre Kompetenzen – kurzum: Bildung zielt auf Pluralitätsfähigkeit! Diese Grundauffassung wird an der privat getragenen Internationalen Friedensschule Köln in Wippersdorf im Blick auf den Religionsunterricht mit beeindruckendem Leben gefüllt.

Im Rahmen der Klausurtagung waren einige Kolleg*innen des ptz in der dortigen Grundschule zu Gast und im Gespräch mit den am interreligiös orientierten Religionsunterricht beteiligten Fachlehrer*innen für Buddhismus, (katholisches) Christentum, Islam und Judentum.

Als internationale Schule kennt die Friedensschule religiöse Vielfalt in besonderem Maße – daran anzuschließen und darauf aufzubauen versucht der Religionsunterricht seit etwa 5 Jahren mit einem Projekttag Religion: Einmal im Monat haben die Klassen einen ganzen Tag Religionsunterricht – ein gemeinsames Oberthema erleben und erarbeiten die Kinder aus muslimischer, jüdischer, christlicher und buddhistischer Perspektive in 4 verschiedenen Gruppenphasen und versammeln sich anschließend, um Eindrücke auszutauschen, zu bündeln, Fragen aufzugreifen, eigene Positionen zu formulieren.

Im Umgang mit den verschiedenen Traditionen wird Respekt eingeübt, die Schüler*innen sollen unterschiedliche Traditionen verstehen und vergleichen können, Gemeinsames entdecken, Unterschiede wahrnehmen, artikulieren und für sich auch sortieren. Ein weltoffenes Menschenbild soll einen Beitrag zur Erziehung zum „Weltbürger mit eigenen Wurzeln“ leisten. Dazu gehören die Anerkennung der eigenen Wurzeln und Beheimatung, die Begegnung mit dem Anderen, das Vertrautwerden mit der Welt des Anderen. So können aus Fremden Freunde werden.

Eindrücklich wird das vorgelebt – so scheint es uns Besucher*innen – vom Team der Religionslehrkräfte der Internationalen Friedensschule … und dieses Vorbild ist vielleicht der wesentlichste Beitrag zur Wirksamkeit dieses Religionsunterrichts im Blick auf die Fähigkeiten zum Leben in einer pluralistischen Gesellschaft auch in religiösen Fragen. Wir verlassen die Friedensschule jedenfalls mit vielen Fragen und Ideen, wie auch im konfessionellen Religionsunterricht an staatlichen Schulen der religiösen Vielfalt unserer Welt vielleicht noch angemessener begegnet werden kann …

(Katrin Bosse)

2.3 Digitale Kirche und Gemeinde

Fünf PTZler waren zu Besuch bei Pfarrer Jan Ehlert in seiner Kirche in Troisdorf. Jan Ehlert (http://janehlert.info/) ist nicht nur Gemeindepfarrer, sondern auch Pfarrer für Onlinekommunikation im Landeskirchenamt.

Schön war zu sehen, welche digitalen Möglichkeiten die Troisdorfer Kirche bietet: Vorne eine große weiße Wand, die jederzeit als Projektionsfläche genutzt werden kann. In der Kirche findet man leicht ein Freifunk-Wlan, bei dem man ohne Passwort Internetzugang bekommt. Digitale kirchliche Gastfreundschaft, über die sogar Citrix lief.

Ehlert erzählte uns, die rheinische Kirche sei vergleichsweise gut aufgestellt im Bereich institutioneller Social-Media-Kommunikation. Erkennbare, profilierte Individuen werden allerdings immer wichtiger als institutionelle Vertreter. Das bestätigt auch die Sinus-Studie „Generation What“.  Dass Leute von sich erzählen, bannt Leute mehr als journalistische Aufbereitung. Hier müsste mehr danach geschaut werden „Wer kann das?“. Ein spannendes Projekt ist „Jana glaubt“ (http://www.velkd.de/jana-glaubt.php). Hier ist wichtig danach zu schauen, wer zur Zielgruppe gehört. Die Videos von „Jana glaubt“ vor Konfis zu zeigen führt zu hoher Aufmerksamkeit. Auch der rheinische Pfarrernachwuchs ist im Netz präsent und bloggt als Nachwuchswerbung unter http://meine.ekir.de/.

Unternehmen wie Metro und Siemens mit großem Apparat investieren ihr Geld in separate Startups außerhalb der traditionellen Struktur. Davon könnte Kirche lernen und nicht einfach vorhandene Stellen mit mehr oder weniger geeigneten Leuten besetzen. Wichtig ist es, diese Kultur des Scheiterns zuzulassen, die bei Startups üblich ist.

Predigten werden online kaum gelesen, Videos funktionieren gut, sind aber dafür recht aufwändig. Was ganz gut funktioniert, ist ein Text mit Bild. Beispielsweise hat „Bible Verse of the Day“ als Facebook-Seite eine extrem hohe Reichweite. Das wurde weiterentwickelt zur #Microandacht: ein Bibelvers, ein Bild, eine kurze poetische Auslegung. Die Bilder stammen weitgehend von Pixabay. Ca. 4000 Menschen haben die Facebook-Seite der EKiR abonniert, leider ist in letzter Zeit die Reichweite aufgrund der Algorithmus-Änderung von Facebook gesunken. Die Mikroandachten erscheinen auf Facebook, Instagram und Twitter, z. B. hier https://www.instagram.com/explore/tags/microandacht/

Eine neue Idee ist https://sublan.tv/. Im Rheinland gibt es auch Erfahrungen mit Social Media Gottesdiensten, bei denen man sich live einbringen konnte. Es gab eine Wall und Leute, die die geposteten Beiträge in den Ablauf des Gottesdienstes hineinspielten. Untersuchungen zeigen, dass Gottesdienste, an denen man beteiligt ist, einem grundsätzlich besser gefallen. Wenn das Standard werden soll, müsste die Homiletik sehr umdenken. Wenn Pfarrstellen gekürzt werden, wird der zufällige Kontakt im Ort abnehmen. Hier könnten digitale Möglichkeiten evtl. etwas ausgleichen.

Für Seelsorge gibt es das Internetangebot http://chatseelsorge.de als datenschutzrechtlich sichere Option von Online-Seelsorge. In Württemberg gibt es immerhin https://www.nethelp4u.de/ mit Email-Seelsorge.

Folgende Möglichkeiten digitalen Arbeitens bieten sich an, z. B. im Konfi-Unterricht:

  • Konfis probieren verschiedene Formen von Gebet aus. Dabei gab es auch die Möglichkeit an einer Whatsapp-Gebetsgruppe teilzunehmen. Fast alle haben das dann gewählt.
  • Rechercheaufgaben sind eine gute Möglichkeit, bei denen man auch lernt, die Qualität der Quellen zu bewerten.
  • Auch Momente des bewussten Gegenpols ohne Gerät sollten geschaffen werden, bei denen klar ist: Wir sind hier gerade physisch zusammen.

Die Kirche und das Gemeindehaus hat eine Freifunk-Installation (https://freifunk.net/). Dazu passt wunderbar ein Augustinus-Zitat in seiner Schrift “Von der christlichen Unterweisung”: “Wenn eine Sache nicht gemindert wird, da man sie mit anderen teilt, ist ihr Besitz unrecht, solange man sie nur allein besitzt und nicht mit anderen teilt.” Für Gremiensitzungen kann im Rheinland alles in einer Cloud bereitgestellt werden. Godspot funktioniert auch gut und erlaubt Vorschaltseiten, ist allerdings kostenpflichtig. In Troisdorf gibt es viele Freifunk-Knoten, so dass die Kirche hier nur das ohnehin vorhandene Netz unkompliziert erweitert.

Infos und Werbekonzepte vor Ort: Die Ev. Kirche im Rheinland hat einen Cloud -Dienst, der für jeden Ehrenamtlichen offen ist. Damit werden z. B. Gemeindebriefe erstellt. Das hat die Fehlerrate sehr gesenkt im Vergleich zur Email-Kommunikation. Auch Gremiendokumente werden in der Cloud vorgehalten. Die Kirchengemeinde hat eine Facebook-Seite. Es wird gerade überlegt, das mehr von Ehrenamtlichen machen zu lassen. Schaukasten und Gemeindebrief sind aber weiterhin viel wert.

Spannend für Kirche vor Ort sind Nachbarschaftsplattformen. Dort kann man in der Regel keine institutionellen Accounts anlegen, aber Hauptamtliche der Kirchengemeinde können dort wie jeder andere auch als Individuum kommunizieren.

Welche Messenger eignen sich für die Jugendarbeit? Hier betonte Jan Ehlert, dass wir das datenschutzrechtliche WhatsApp-Problem lösen müssen. Threema, Signal, SimsMe sind mögliche Alternativen. U.U. lassen sich Jugendliche von diesen Alternativen überzeugen. Die große Gefahr ist, dass einzelne ausgegrenzt werden, die kein Gerät haben oder eine bestimmte App nicht nutzen dürfen.

(Dr. Thomas Ebinger)

3. Impressionen aus Köln

         

Related Posts